Die sieben Übungen der menschlichen Begegnung

 

Die sieben Übungen der menschlichen Begegnung

Vortrag für die Globale Schule für Geisteswissenschaft
26.9.2024

Ich möchte die sieben Übungen der menschlichen Begegnung vorstellen, damit jede und jeder das ganze Bild sehen kann. Erinnern wir uns an das, was wir viele Jahre lang immer wieder praktiziert, nicht gepredigt haben, als wir auf der klaren Unterscheidung zwischen theoretischem Wissen und Praxis bestanden haben. Die menschliche Begegnung ist Praxis, die wichtigste Praxis, auf der unser gesamtes soziales Leben aufbaut. In unserer Zeit kann die menschliche Begegnung nur auf der Grundlage bewusst entwickelter spiritueller Fähigkeiten stattfinden. Daher erfordert sie wie jede körperliche und künstlerische Praxis die Entwicklung konkreter praktischer Fähigkeiten. Wenn man Klavier spielen lernt, stellt man als erstes sicher, dass man die Anweisungen versteht. Natürlich erwartet man nicht, dass es beim ersten, zweiten oder dritten Üben klappt; man wird immer Fehler machen. Und nach jedem Üben liest man die Anleitung noch einmal, schaut sich die letzte Übung wieder an und erkennst seine Fehler. Nach jedem Üben versteht man die Übung besser, und man versucht es noch einmal, macht neue Fehler, korrigiert sich selbst und übt weiter, bis der Moment kommt, in dem man erkennt, dass das Training zur Fertigkeit und die Wiederholung zur tief verwurzelten Gewohnheit geworden ist.

Das Üben der bewussten menschlichen Begegnung ist die unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung eines wahrhaft menschlichen und sozialen Lebens in unserer Zeit. Diese Praxis braucht, wie jede andere echte Praxis auch, Zeit. Warum sollten wir glauben, die voll und ganz menschliche, seelisch-geistige Begegnung mit einem anderen Menschen, die die Entwicklung einer viel komplexeren Reihe von Fähigkeiten erfordert, sei einfacher und würde weniger Zeit in Anspruch nehmen als das Spielen eines Instruments? Wir müssen echte praktische Fähigkeiten entwickeln, nicht nur mit Ideen spielen; wir entwickeln die grundlegendsten Fähigkeiten, die erforderlich sind, um die völlig neue bewusste menschliche Begegnung zu verwirklichen; wir erschaffen den sozialen Grundstein der Michael-Bewegung in diesem Jahrhundert. Und echte, praktische, spirituelle Fähigkeiten werden durch wiederholtes Üben geschaffen, bis sie schließlich zu einer verinnerlichten Gewohnheit und einem Instinkt werden.

Ruft euch in Erinnerung, was nötig ist, um die echte Denktätigkeit zu entwickeln, nicht das theoretische „Ich weiß, was es bedeutet”, sondern als praktische Fähigkeit, die Rudolf Steiner in „Die Philosophie der Freiheit” demonstriert; denkt an die praktischen, konkreten Übungen in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten”, wie man die grundlegenden meditativen Fähigkeiten entwickelt. Wenn wir in den kommenden Jahren auf der Grundlage des Impulses des erneuerten Grundsteines, der an Weihnachten 2023 gelegt wurde, die breite Öffentlichkeit erreichen wollen, muss diese menschliche Begegnung zu unserer ersten Natur werden. Sie ist der Grundstein der neuen Michael-Gemeinschaft. Sie muss zu einer lebensnahen spirituellen Praxis werden, die im täglichen Leben verwirklicht wird und die gängige menschliche und anthroposophische Routine des „alles wissen und das Gegenteil tun“ überwindet.


Die 7 Übungen der menschlichen Begegnung

Erste Übung
1. Hingabe an das wahre Wesen des anderen
2. Selbsterkenntnis
3. Was kann ich für dich tun?
4. Wer bist du?

Zweite Übung
Wahrnehmung des Anderen als geistig-seelisches, unsterblich-göttliches Wesen, als Repräsentant der Menschheit, zwischen L. und A.
„Durch einen plötzlichen Impuls [vom Engel] wird dem Menschen von der geistigen Seite ein gewisses Geheimnis eingegeben, nämlich, was der andere Mensch wirklich ist.“2

Dritte Übung
„Wenn zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind“:
Das ICH BIN in dir und mir finden

1. Nicht du, sondern das ICH BIN in dir.
2. Nicht ich, sondern der Christus in mir.
3. Nicht wir, sondern das ICH BIN in uns.
4. Alle menschlichen Ichs sind eins im ICH BIN des Christus.

Vierte Übung
Das Geheimnis des Seelentauschs
„… ein wunderbarer und geheimnisvoller Vorgang spielt sich in der Seele ab, der direkt in die andere Seele übergeht. Die Seele tritt sozusagen hervor und geht in die Seele des anderen über.“

1. Erlebe, wie der andere denkt, fühlt und will.
2. Erlebe das Seelenwesen des anderen.

Fünfte Übung
Mein ganzes Wesen ist in dem Christus in dir auferstanden.

Sechste Übung
Dein ganzes Wesen ist in dem Christus in mir auferstanden.

Siebte Übung
Christus in uns und Anthroposophia steigt herab, um unter uns zu wohnen.
Die Gemeinschaft wird zu einem Kelch, in dem Anthroposophia als Gruppenseele empfangen und von ihr befruchtet wird.

 

Erste Übung

Vor dem Beginn jeder Übung stellen wir sicher, dass wir über unseren Köpfen und tief in unseren Herzen die dreifache goldene Schrift wahrnehmen, in der mit goldenen Lettern die goldene Regel eingeschrieben steht: Devotion gegenüber der Wahrheit, Devotion gegenüber der Wahrheit der Selbsterkenntnis und Devotion gegenüber dem wahren Wesen des Anderen. Wir verwirklichen diese dreifache Regel in der Praxis vor jeder Übung; wir werden uns niemals erlauben, uns einem Menschen – oder überhaupt einem Wesen – ohne feurige, heilige Devotion gegenüber seinem und ihrem wahren spirituellen Wesen zu nähern. Diese Devotion kann sich gründen auf das wiederholte Praktizieren des erneuerten Grundsteins, den wir an Weihnachten in unsere ätherischen Herzen gelegt haben und den wir seitdem intensiv pflegen. Dies muss in unserer Seele zu einer tief verkörperten und tief verwurzelten Leidenschaft und Neigung, Gewohnheit und Veranlagung, Trieb und Instinkt werden.

Die erste Übung besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil wird wahrhaftige Selbsterkenntnis verwirklicht und im zweiten wird der erste Schritt gemacht, um dem Anderen zu begegnen?

Der erste Teil hat zum Ziel, die wesentlichsten Bestandteile der Selbsterkenntnis ins Bewusstsein zu bringen. Das haben wir seit Jahren praktiziert. Ehrliche, mutige Selbsterkenntnis ist die absolute Voraussetzung, um dem Anderen zu begegnen. Unser Vertrauen in uns selbst und in unseren Partner kann nur auf der Tatsache aufbauen, dass wir beide wahre Selbsterkenntnis praktizieren. Es verleiht uns auch widerstandsfähigen michaelischen Mut. Wir verstecken nicht aus Feigheit die Tatsache, dass wir unsere Vorurteile auf den Anderen projizieren, und wir wissen, dass wir dafür verantwortlich sind, dass sein wahres Wesen vor uns verborgen bleibt.

Nachdem wir ehrlich und mutig unsere Selbsterkenntnis miteinander teilen und unsere Projektionen, Vorurteile, Antipathien und Sympathien usw. für eine Weile abstreifen, können wir den Anderen wirklich von Herzen fragen: „Was brauchst du? Ich möchte für dich da sein, ich möchte deinem wahren Wesen und Werden dienen. Sag mir bitte: Was kann ich für dich tun?“ Wir erlebten bei der Demonstration der College-Mitglieder heute, wie sie darum gerungen haben, an diesen Punkt zu gelangen. Als sie jedoch an diesem Punkt ankamen, hatte ich das Gefühl, dass es ein sehr authentischer und wahrhaftiger Moment war. Sie versuchten nicht, sich daran zu erinnern, was sie tun sollten, ließen sich nicht von der zuvor geplanten und erinnerten Vorstellung leiten; sie haben es tatsächlich praktiziert, und es hat funktioniert. Wunder geschehen, wenn wir mutig sind, Angst blockiert den spirituellen Weg des Fortschritts und alle menschlichen Begegnungen sind heute durch die Ängste und das Misstrauen gelähmt, die durch den betrügerischen Ahriman hervorgerufen werden.

Niemand sollte das Gefühl haben, es sei ein Misserfolg, wenn ihr diese Übung nicht in ihrer idealen Form verwirklicht habt. Das braucht natürlich Zeit; wir sind Anfänger, wir sind sündige Sterbliche und so weiter. Lasst euch in aller Ruhe Zeit, überfordert euch nicht, kritisiert und verurteilt euch nicht, und vor allem solltet ihr nicht eurem Partner, der Regierung oder der Erderwärmung die Schuld geben. Akzeptiert Misserfolge und daraus gewonnene Erkenntnisse als natürlichen Teil der Praxis. Bin ich immer noch ein Anfänger, werdet ihr einwenden, nach so vielen Jahren des Praktizierens? Sind wir nicht bereits vollendete Experten in Sachen Selbsterkenntnis? Es braucht wahre Selbsterkenntnis, um zu erkennen, in welchem Ausmaß man auch nach vielen Jahren der Praxis noch ein Anfänger in Sachen Selbsterkenntnis ist.

Darüber hinaus ist Selbsterkenntnis auch der große Gleichmacher unter den Menschen; sie bringt uns alle auf die gleiche menschliche Ebene. Wir sind alle gleich, wenn wir uns selbst gegenüberstehen, denn in der Selbsterkenntnis erkennt man, welch langer Weg einen erwartet, um sich in seinem Wesen zu ändern, zu verbessern und umzuwandeln. Da sind wir alle Anfänger. Ich kann euch aus meiner eigenen Erfahrung ganz ehrlich sagen, dass ich mich immer wie ein totaler Anfänger fühle, wenn ich mir selbst gegenüberstehe. Denn wenn ich mich selbst sehe, so sehe ich auch, wie viele Inkarnationen ich benötigen werde, um dieses schreckliche Geschöpf langsam und schrittweise in das göttliche Wesen zu verwandeln, das es eines Tages werden soll. Wenn wir uns also mutig gegenübertreten als einem sterblichen Menschen, und dabei immer von Neuem unseren luziferischen Größenwahn und unsere ahrimanischen Selbstabwertungen überwinden, sind wir voll und ganz sterblich, voll und ganz menschlich und feiern die schöpferische Freude, zu wissen, dass wir alle gleichermaßen Anfänger sind. Das ist die beste Seelenstimmung und -verfassung, die für die Übungen der Begegnung mit dem Anderen gebraucht wird, denn die Selbsterkenntnis lässt uns alle eins werden. Sie pflegt eine Geschwisterlichkeit, die auf praktisch entwickeltem gegenseitigem Vertrauen aufbaut, und nicht auf der üblichen Furcht voreinander und dem Neid untereinander. Dann können wir dem Geist- und Seelenwesen des Anderen begegnen und ihn fragen: „Was kann ich für dich tun?“ Und irgendwann werden wir, wenn es sich ergibt, das hervortretende Rätsel und Mysterium dieses kosmischen, göttlichen, ewigen geistigen Wesens erfahren, das der Andere ist, und werden die zweite Frage in unseren Herzen aufsteigen fühlen: „Oh mein Gott, wer bist du?“